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Die Glückskeksproblematik

Trööt – Trööt – Trööt – RUMS! Ah, Endlich Ruhe. Das hat dieser Wecker schon lange verdient. Meine Faust tut etwas weh, aber meine wunderbar warme Decke, unter der ich mich gerade verkrieche, macht das wieder gut. Es ist Sonnabend. Es ist Wochenende, es ist Zeit zum Ausschlafen - und ich habe vergessen, den Wecker abzustellen – der Tag fängt gut an. Verschlafen blinzle ich über die Kante meiner eigenen Decke an die meines Zimmers, also die Zimmerdecke. Mein Lieblingsradiowecker projiziert die Zeit zwischen meine vielen Leuchtsterne und zeigt mir eine gar unerfreuliche Zeit an: 5:20 Uhr – ist ja ekelhaft. Und das heute, am Sonnabend, am Wochenende – unerträglich! Ich schließe die Augen, da knarrt es von irgendwoher aus meiner Wohnung. Es könnte auch ein Kratzen sein – oder ein Nagen. Spontan fallen mir meine in der Stube lebenden Mitbewohner ein, meine Kaninchen. Da ist der Hunger wohl größer als die Müdigkeit, aber warum sollten sie auch müde sein, sitzen den ganzen Tag rum, beobachten mich beim Fernsehen gucken, schlafen, fressen und füllen das Kaninchenklo. Das ist ein Leben, denke ich, da klingelt es an der Tür. Ich schrecke hoch und bin hellwach. Irgendwie habe ich das Gefühl, noch ein zweites Mal aufgewacht zu sein. Ich bin wohl über dem gemütlichen Gedanken vom Rumsitzen, fressen und was man als Kaninchen noch so erlebt wieder eingenickt.
Hat es denn jetzt wirklich geklingelt? Aber wer klingelt denn nachts 5:20 Uhr. Ich blicke an die Decke und stelle erstaunt fest, daß anstelle der 5 nun eine 6 steht. Interessant, aber auch nicht besser. Mühsam hebe ich mich aus dem warmen Bett und stelle mich der kalten Wirklichkeit. Ich stolpere über meine Schuhe, trete auf herumliegende Klamotten und stoße mir fast den Kopf an der Tür beim Austarieren meines Faststurzes. T-Shirt auf Parkett ist doch eine gefährliche Kombination. Als ich endlich den Lichtschalter erreicht und betätigt habe, sticht mir das Licht meines Deckenstrahlers derart gemein in die Augen, daß ich beschließe, mich weiter im Dunkeln durch die Wohnung zu tasten.
An der Wohnungstür angekommen spähe ich vorsichtig durch den Spion. Nichts. Einfach nur finster. Da ist niemand. Und ich habe keine Lust, weiter zu forschen. Nach einigen Sekunden des gebannten Horchens widme ich mich der durchaus schwierigen Aufgabe, mein Bett wiederzufinden. Doch das immer noch herumliegende T-Shirt zieht mir die Beine weg und befördert mich direkt und ohne Widerrede in mein Bett.
Als ich wieder erwache, hat der Tag längst begonnen, leider ohne mich. Die Uhrzeitprojektion an der Decke ist seit Stunden nicht mehr zu erkennen, denn die Sonne scheint schon direkt in mein Gesicht und weckt in mir das Bedürfnis zu niesen. Ich tue das auch und wünsche mir im Anschluß gleich Gesundheit, ist ja sonst keiner da, der das machen könnte.
Der Schwung vom Niesen katapultiert mich kraftvoll in die Sitzposition, sehr gut. Weiter so, vielleicht kann man das ja öfter nutzen, zum Beispiel bei Situps, obwohl das auf die Dauer wohl auch etwas anstrengend und vor allem unhygienisch ist, denn wie soll man denn da noch das Taschentuch vor die Nase halten. Das mit dem Niesen ist überhaupt so eine Sache. Neulich beim Einkaufen hat es mich wieder einmal heftig durchzuckt. Und ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich nun die Hand vor Nase und Mund halten sollte, mit der ich im Anschluß dann Äpfel und Bananen anfassen wollte, oder ob ich es einfach tröpfchenweise im Raum verteilen … jetzt wird’s eklig! Ich hab dann einfach beides irgendwie gemacht, mit dem maximalen Mißerfolg. Eine ältere Dame blickte mich mißbilligend an, weil ich nur die halbe Hand vorgehalten habe, und das Äpfel kaufen habe ich auf später verschoben.
Was für ein blöder Gedanke am frühen Morgen.
Ich erhebe mich vollends aus meinem Bett, stolpere abermals über meine Schuhe, bevor ich sie anziehe und damit weitere derartige Mißgeschicke verhindern kann. Mein Weg führt mich in die Küche. Ja, jetzt ein Nutella-Brot – doch Halt!!! Das Nutella ist alle!! Katastrophe - PANIK!!!! Was nun? Ich bin verzweifelt. Vielleicht ein Apfel? Äh, nein, da war doch die Sache mit der Made – ein unschönes Kapitel meines Lebens, denken wir lieber nicht mehr daran.
Ich durchsuche meinen karg gefüllten Schrank und finde: Glückskekse. Die Rettung. Nicht sehr nahrhaft, aber wenigstens etwas im Magen und noch ein schöner Spruch, wer will sich da noch beschweren. Ich breche den ersten auf. Mmh, lecker. Und wo ist der Spruch? Toll, keiner drin, Sauerei! Will mich eigentlich heute jemand ärgern?
Noch ein Keks. Mmh, auch lecker. Diesmal findet sich sogar ein Spruch: „In naher Zukunft werden sie eine überraschende Nachricht erhalten.“ – Mmh, wie nichtssagend. Ich bin gespannt, aber was könnte wohl noch überraschender sein als dieser vermaledeite Sonnabendmorgen?
Nächster Keks. Ich breche ihn in zwei Teile, stopfe diese in meinen Mund und … wo ist der Spruch? In meinem Mund! Prima. Vorsichtig ziehe ich ihn wieder heraus, spüle ihn zaghaft unter dem lauwarmen Wasser meines Küchenwasserhahns sauber und lese:
„Hilfe, ich werde in einer Keksfabrik festgehalten!“ – Ich bin schockiert. Träume ich? Nein, ich halte diesen Zettel wahrhaftig zwischen meinen klammen Fingern. Da steht es, schwarz auf weiß. Mir wird heiß. Da wird ein armes Geschöpf gefangen gehalten, gegen seinen Willen, Schock, schwere Not! Sofort sehe ich auf die Verpackung. „Made in China“ kann ich dort lesen. Ich überlege. Ich muß diesen armen Menschen retten. Das ist ein Fall für die Justiz, ach was rede ich da … für das auswärtige Amt, der Außenminister muß davon wissen. Ich muß sofort handeln. Wo ist mein Telefon?
„Hallo Auskunft?“ ich warte einen Moment, eine nette weibliche Stimme meldet sich. „Ja bitte, wie kann ich ihnen …“ – „Ich möchte gern zum Außenminister durchgestellt werden.“ – Stille – „Sie meinen direkt?“ ich werde unleidlich ob der Dringlichkeit meines Anliegens.
„Ja meinen sie indirekt wäre besser?“ Wieder tritt Stille ein. Hat sie mich weggelegt? Nein. „Äh, ich kann sie zur Telefonzentrale des Auswärtigen Amtes weiterleiten.“ Ich atme auf. „Na dann tun sie das mal!“ Etwas genervt verdrehe ich die Augen.
„Telefonzentrale Auswärtiges Amt Frau Stimpflhuber – sie wünschen?“
„Stimpflhuber?? – äh, Frähmel hier - Ich wünsche eine Ungeheuerlichkeit zu melden. Könnte ich bitte den Außenminister sprechen?“ Ein Augenblick der Stille breitet sich zäh in meinem Ohr aus. „Um was genau geht es denn?“ Höre ich da eine Spur von Belustigung heraus?
„Und zwar geht es um einen Glückskeks, den ich heute früh gegessen habe.“ Die Dame am anderen Ende sagt nichts. Vermutlich notiert sie eifrig den Sachverhalt. „bei meinem dritten Keks hing mir der Zettel zwischen den Zähnen. Als ich ihn aus meinem Mund entfernte und sorgsam reinigte, las ich die Botschaft: ‚ Hilfe, ich werde in einer Keksfabrik festgehalten’ – Da muß etwas unternommen, Frau Telefonzentralen- ääh“
„Sie wollen mich verkohlen, oder?“ „Nein, das liegt mir fern!“ antworte ich höflich. Was bildet sich diese Person eigentlich ein!
„Ich möchte bitte den Außenminister sprechen!“ Die Stimme am anderen Ende ringt um Fassung. „Tut mir Leid, der Herr Meier ist außer Haus. Ich denke, sie sollten sich an die örtliche Polizei wenden, die wird ihnen weiterhelfen. Auf Wiederhören.“ Ich bin fassungslos - einfach aufgelegt, das heißt, zunächst sitzt der Hörer nicht richtig auf der Gabel und ich kann ihr ausuferndes Lachen hören. Unverschämtheit!!! Sie macht sich tatsächlich über mich lustig, mit dem Namen! HA! Die traut sich was!
Entrüstet wähle ich 110.
„Polizeidienstelle Erlangen. Polizeihauptmeister Müller am Apparat– was kann ich für sie tun?“ Ich erzähle ihm von meinem Keks und dem ausgespuckten Zettel und versuche dem Herrn Wachtmeister klarzumachen, wie hochbrisant mein Anliegen ist und wie man bei diesem internationalen Fall weiter vorgehen müßte. „Gehen sie aus der Leitung mit ihrem Unfug!“ schreit er schließlich ins Telefon und legt auf. Ich bin fassungslos, schon wieder.
So ein ungehobelter Flegel. Ich beschließe den Namen Müller neben Stimpflhuber auf die Liste derer zu setzen, über die ich mich im Anschluß an meine Rettungsaktion beschweren werde und rufe nochmals an.
„Polizeidienstelle Erlangen. Polizeihauptmeister Müller am Apparat– was kann ich für sie tun?“ Ach der Herr Müller. Ich begrüße ihn freundlich und erkläre nochmals mein Anliegen. Leider schaffe ich es diesmal nicht bis zur Erläuterung der Problematik mit dem Zettel in meinem Mund – schon wieder aufgelegt.
Skandal, ich bin ernsthaft erbost. Wie kann dieser Müller es wagen, mich aus der Leitung zu werfen. Das gibt ne ordentliche Diszi für den Herrn, vielleicht Suspendierung mein lieber Herr Müller, jaahhaa, wenn ich mal meine Karten ausspiele, dann hatten sie die längste Zeit ihre Pension sicher. Das letzte hab ich laut gesagt und das ist auch gut so! Ich fühle mich super als Rächer aller Keksfabrikopfer.
Jetzt packt mich der Ehrgeiz. Es ist Sonnabend, ich habe Zeit und 3 Nummern tippen ist ja nicht so aufwendig: 1 – 1 – 0 ! Den Müller knack ich schon, das wäre doch gelacht. Pah!
„Polizeidienstelle Erlangen. Polizeihauptmeister Müller am Apparat– was kann ich …?“ – „Hallo Herr Wachtmeister, ich bin es noch einmal, ich glaube, ihr Telefon ist defekt, wir werden immer wieder unterbro …“ – „Tuut – tuut - tuut“ – doch ich bin hartnäckig. Hungrig und hartnäckig. Ich beschließe noch einen weiteren Keks zu essen, bevor ich mich weiterhin meiner Zermürbungstaktik widme. Irgendwann kommt auch der engstirnigste Müller darauf, etwas zu unternehmen … bestimmt. Ich breche einen dieser Kekse auseinander. Wo ist der Zettel, ah da: “Verfolgen sie ihre Ziele hartnäckig und sie werden Erfolg ernten!“ – Ja, meine Worte. Herr Müller, ich komme!
1 – 1 – 0 ! Tuuuuuuuut – Knacks – „Polizeidienstelle Erlangen. Polizeihauptmeister Müller am Apparat– was kann ich für sie tun?“
„Hallo Herr Müller“ säusle ich ins Telefon. „Hier ist ihr schlechtes Gewissen“ – „JOA Sakri!“ brüllt mir der aufgebrachte Telefondienstler entgegen und legt auf, wobei das Legen eher einem Werfen ähnelt.
1 – 1 – 0 ! Tuuuuuuuut – Knacks – „Wenn’s net bald mit dem Schmarrn aufhör’n, dann .. dann .. i will mei Ruh’!“ Ich bin einfach still und warte. Aus dem wütenden Franken wird urplötzlich wieder der nette Telefon-Müller “Wer ist denn da? Sind sie das, Frähmel? – Oder ist da jemand anders?” Ich grinse vor mich hin – dich laß ich zappeln, Mülli!
„Hallo? Kann ich etwas für sie tun?“ – Stille – „Ähm, hier ist die Polizeidienststelle Müller, Polizeihauptmeister Erlangen am Apparat.“
Ich kann mich nicht mehr halten und lache schallend ins Telefon.
„Frähmel, SIE!!! … Sakramentsdunnerkeiler ....is des heit a Scheißtoch! “ – Ohrenbetäubend schlägt der Hörer auf dem Telefon auf, ehe das Gespräch abbricht.
Sehr gut, gleich hab ich ihn soweit.
Doch vorher – ein Keks. Voller Vorfreude greife ich in die Tüte, befreie mein Opfer von der Plastikfolie und zerbreche es in zwei Teile.
Schnell suche ich nach dem Zettel: „Unangekündigter Besuch wird ihnen einen abenteuerlichen Tag bescheren.“ – Es klingelt an der Tür. Diese Kekse sind unglaublich, ich muß mir unbedingt mehr davon kaufen!
Ich tappe zur Tür, öffne sie und blicke interessiert in den Hausflur. Ein Polizist und zwei mir leider bekannte junge Herren in weißen Kitteln stehen vor meiner Wohnung. Ja, ich spüre es, das wird ein abenteuerlicher und aufregender Tag. Ich grinse ihnen entgegen, obwohl sie genau wissen, daß ich sie überhaupt nicht leiden kann. Ein bißchen freue ich mich auf das Wiedersehen mit alten Bekannten.


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