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Feuer der Unschuld Rauch quoll aus dem Giebelfenster und kräuselte sich in Luftverwirbelungen über dem Dachfirst. Es war schwarzer, dreckiger Rauch, voller Rußpartikel, und doch schwebte er so unschuldig empor bis zur obersten Spitze des Hauses und weiter, dem Himmel entgegen. Robert war erstarrt. Sein Mund stand vor Erregung und Staunen offen. Ein Feuer. Das Haus brannte. Vielleicht konnte er es noch retten, vielleicht war es noch nicht zu spät, würde er jetzt zur Telefonzelle laufen, die Feuerwehr rufen und ihnen den Weg beschreiben. Sie würden heranbrausen, ihre Wasserschläuche ausrollen, die Menschen retten, Verletzte in Krankenwagen setzen, und schließlich dieses alte Haus löschen. Robert starrte das Fenster an, aus dem der unheilschwangere Rauch hervorquoll. Wie das pure Böse waberte es in die klare Luft und verpestete sie. Wie Hohn erschien sein Aufstieg in den Himmel, richtete er doch gerade in diesem Augenblick unumkehrbares Leid an. Robert zitterte. Seine schweißnasse Hand patschte gegen die neben ihm stehende Eiche. Sie stand schon viele Jahrhunderte da, vom Alter ganz krumm, mit aufgebrochener Borke und toten Ästen, doch immer noch majestätisch. Ein Blitz hatte vor Jahrzehnten in sie eingeschlagen, einige Äste verkohlt, ehe die örtliche Feuerwehr das Schicksal des Baumes noch einmal abwenden konnte. Auch das Haus könnte noch gerettet werden, noch war es nicht zu spät. Robert blickte sich nervös um. Der frühe Morgen war still. Vor Jahren hatte er eine Geschichte in der Schule gelesen, „Nachts schlafen die Ratten doch“ - wohl wahr, dachte Robert mit diabolischem Grinsen. Sie schliefen und bemerkten nichts. Sein Blick versteinerte so schnell, wie das Lächeln über sein Gesicht gekommen war. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, daß er nun schon eine halbe Stunde hier stand. Wie ein Virus, dessen Anwesenheit von der bevorstehenden Krankheit kündet, sie jedoch noch kaum hat ausbrechen lassen. Erste Anzeichen des unweigerlichen Endes war zu sehen, doch nur für den, der nach jenem Anzeichen sucht. Wer macht bei Häusern schon Vorsorgeuntersuchungen. Wieder grinste Robert, doch nur kurz. Am anderen Ende der Straße bog ein Auto ein und erfaßte ihn mit seinem Lichtkegel. Robert zuckte zusammen und verbarg sich hinter dem dicken Stamm der altersschwachen Eiche. Der alte Golf rauschte an ihm vorbei, wie der Laienblick an einer das Krebsgeschwür andeutenden Hautveränderung. Eine Sekunde - zwei Sekunden - abgebogen - weg - Stille. Robert trat aus dem Schatten der knorrigen Eiche hervor auf die Straße und sah zu dem Fenster hinauf. Der Ruß hatte die helle Wand inzwischen dreckig schwarz gefärbt und wies den nachkommenden Rauchschwaden den Weg nach oben. Ein heller Schein ließ Roberts Herz einen Schlag aussetzen. Eine Flamme züngelte kurz aus dem offenen Fenster und verschwand sofort wieder. Die Zeit wurde knapp, die Rettung des Hauses stand auf Messers Schneide, noch einige Augenblicke, und die Dachbalken würden in Flammen stehen, und jahrhundertealtes Holz brannte wie Zunder, er hatte es ausprobiert. Er schloß seine Augen und hielt die Nase in den frischen Morgenwind. Er konnte den Geruch erahnen, den Geruch von verkohltem Holz, von verbranntem Hundefleisch und verschmorten Plastikstühlen. Dieselben Stühle, auf denen er immer gesessen hatte, doch das würde nie wieder so sein. Nie wieder würde ihn jemand auf den Dachboden schicken und den Schlüssel der Tür hinter ihm herumdrehen. Nie wieder könnte dieser Köter vor ihm stehen, mit weitaufgerissenem, tropfendem Maul, ihn den Schreck durch die Glieder treiben, die Schweißperlen auf der Stirn zu Bächen vereinigt über seine bebenden Nasenflügen stürzen lassen. All das sagte diese kleine züngelnde Flamme und der Geruch, den sie leise und kaum wahrnehmbar verbreitete. Am Horizont erklomm die Sonne langsam den Horizont, noch war sie nicht zu sehen, noch herrschte düstere Dämmerungsstimmung über der sonntäglich ruhigen Straße. Und Robert blickte zur Uhr. Knack! Erschrocken sah er zum Dach des Hauses. Eine Verstrebung mußte eingeknickt sein. Denn die dachziegelversehene Fläche hoch über dem Schlafzimmer seiner Zieheltern beugte sich seinem Gewicht und rutschte bedrohlich langsam zusammen. Es war soweit. Robert atmete tief und befreit ein. Flammen zuckten aus den entstandenen Zwischenräumen und erhellten das rotschimmernde Dach wie Höllenfeuer und Glut ihre Umgebung. Wieder krachte es, und hinter dem Dachfirst stieg schwerer Rauch in die Höhe. Robert schluckte hart. Gestern noch hatte er in diesem Haus gelebt, 5 Jahre lang. Nie war es sein zu Hause geworden. Und seine Zieheltern nicht seine Eltern. Er hatte sie in seinen Gedanken verdammt, er hatte sie verabscheut, verflucht, verwünscht, gehaßt - abgrundtief. Sie hatten dieses Haus zu seinem Gefängnis gemacht - sie waren sein Gefängnis, seine Mauern, seine Gitter, sein Hinderniswall auf dem Weg in die Freiheit. Doch dieser Morgen schmolz seine Qualen in gigantischen, gleißendhellen Flammen, Er formte sie neu, wandelte sie um in Gerechtigkeit, Genugtuung und Freude, purer, tiefer Freude, unmittelbar, wie er sie noch nie empfunden hatte. Wieder bebte er vor Erregung und lehnte sich stützend an die alte Eiche, die nach so vielen Jahren und so vielen Ereignissen auch die Umwandlung seines Leids erleben durfte. Er sah sie an, blickte hinauf in das Astgewirr, erspähte die im Dunkel des noch frühen Morgens Blätter der Baumkrone und verspürte das Bedürfnis so unverrückbar und so stark wie dieser Baum sein zu können. Heute kam er dem einen Schritt näher. Er widersetzte sich ihnen, die ihm den Blick in die Welt versperrt hatten. Er öffnete die Wunden unter ihrer verlogenen Haut, ließ sie platzen und die dunkelste Wahrheit aus ihnen hervortreten. Er brachte hervor, was sich in all den Jahren hinter diesen Wänden verborgen hatte. „FEUER!!“ - Am anderen Ende der Straße stand ein Mann und blickte entsetzt in den dämmrigen Himmel über dem Haus. Er sah die inzwischen meterhohen Flammen, sah den eingestürzten Teil des Daches, den schwarzen Rauch, der sich in den Himmel flüchtete. Konnte er nicht sehen, welches Leid aus diesem Haus austrat, wieviel Gnade er der Straße erwies, indem er es ausmerzte, diesen bösen Ort seinem Schicksal zuführte? Konnte er nicht erkennen, warum er, Robert, das tun mußte? Wieso das so notwendig war? - ‚Sei still und geh weg’, schrie er ihm stumm entgegen. Da zerrissen Sirenen urplötzlich den vor Sekunden noch stillen Morgen, brüllten in die Stadt hinaus, was Robert ertragen hatte. Er schloß die Augen, löste seine Hand von der Eiche und stand einfach da. Er fühlte sich frei, wie ein Falke hoch am Himmel, beschienen von Sonne und Wärme, die ihn schützten vor der Kälte, die ihm der brennende Hort seiner Qualen entgegenwarf. Ein letzter Blick zum lichterloh brennenden Dachstuhl des Hauses, dann wandte er sich ab, rannte los und prallte in vollem Lauf gegen die Brust eines kräftigen Mannes, der hinter einem Baum hervortrat und sich Robert in den Weg stellte. Überrascht landete er mit dem Gesicht auf dem kalten Boden. Dreck fand den Weg in seinen Mund und ließ ihn spucken. Robert rappelte sich auf, setzte zur Flucht an und spürte einen dumpfen Schlag am Hinterkopf. Strauchelnd stemmte er sich einem dicken Baum entgegen, drückte sich ab und stolperte durch das Geäst, der Hüne polterte hinter ihm her. Seine wüsten Atemgeräusche übertönten das Blutrauschen in Roberts Ohren. Verzweifelt sah er sich um, er kannte den Mann, es war derselbe, den er immer vom Dachfenster aus im Nachbarhaus sehen konnte, nachdem sie ihn grün und blau geprügelt und eingeschlossen hatten. Er hatte ihm Zeichen geben wollen, doch wer achtete schon auf kleine Fenster in unwichtigen, roten Dächern. Wut brannte in Roberts Kehle empor, er hatte alles so gut geplant, er wollte es gut aussehen lassen, wollte es zelebrieren. Monatelang hatte er sich auf diesen Moment vorbereitet, ja gefreut. Doch noch war nichts verloren. Er verließ den Park durch eine Hecke, die der Hüne umlaufen mußte. Zwei - drei Sekunden mehr Zeit, dachte Robert. Während er die Straße überquerte, griff er in seine Hosentasche. Da war nichts. Roberts Augen fixierten panisch den Waldweg auf den er soeben einbog. Das konnte doch nicht wahr sein. Er zog seine Hand wieder heraus, gerade noch rechtzeitig um sich unter dem geschlossenen Schlagbaum hindurchzuschwingen. Neuer Versuch, schon überlegte er, was passieren würde, mißlang auch dieser - doch da fühlte er das warme Metall des kleinen silbernen Feuerzeugs seines Ziehvaters. Er umgriff es fest, zog es heraus und strahlte es an, während seine Lunge vor Anstrengung pfiff. Der Mann hinter ihm hatte einiges an Boden verloren. Robert gönnte sich ein leichtes Grinsen und rannte auf eine alte Hütte zu, die halb zusammengefallen mitten im Wald stand. Keuchend blieb er stehen und hielt sich an einer halbvollen Tonne fest. Er kannte den Geruch, den ihr Inhalt verströmte. Er nahm einen kräftigen Zug. Seine Sinne verschwammen und sein Geist wurde ruhig. Als er sich umsah, überquerte der Hüne die kleine Wiese vor der Hütte. Er wirkte plötzlich nicht mehr bedrohlich, nur bedauernswert. Warum verfolgte er ihn auch - Robert war an all dem nicht schuld. Er tat nur, was ihm zustand, nicht mehr und nicht weniger. Sein Blick hing fest an den in Zeitlupe auf ihn zu rennenden Mann. Panisch verzerrte er das Gesicht, als er Roberts Absicht erkannte. Er strauchelte, hielt sich auf den Beinen und näherte sich dem ruhig dastehenden Jungen. Robert öffnete die Kappe des Metallfeuerzeugs und legte ein feierliches Lächeln auf. Er spürte die Angst, die den Mann zu Boden zwang, ihn verzweifelt die Richtung wechseln ließ. „Zu spät“ hörte er sich sagen. Der Schrei des Mannes drang kaum noch an sein Ohr, als er das Rädchen drehte. Der Funke entzündete das Gas des Feuerzeugs. Robert schloß die Augen, als er die Wärme des entzündeten Benzinfasses spürte, dann wurde es hell um ihn. Zurück zur Geschichten-Übersicht
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