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Abschied

Schwere Hitzeschwaden wehten schwerfällig über das Feld. Die Ähren wiegten sich sacht im Wind und bogen sich in die eine, bald in die andere Richtung. In der Ferne zwitscherten einige Vögel am Waldrand. Hier und da unterbrach eine Grille die träge Stille der heißen Mittagszeit. Ein Mähdrescher erntete am Horizont das Korn.
Zwischen Wald und Feld lag eine staubige Landstraße, eingebettet wie die Fuge zwischen aneinanderliegenden Fliesen. Die Luft flimmerte über dem Teer, dessen Konsistenz nicht mehr so unverrückbar und felsenfest schien, wie vor einigen Stunden.

02:31 Uhr stand auf dem am Armaturenbrett des Busses festgeklebten Digitalwecker. Übermüdet kämpfte er gegen die Kraft, die seine Lider nach unten zog. Er hatte das Fenster weit geöffnet und versuchte soviel kühle Waldluft durch seine Nase zu pumpen, wie nur irgend möglich. Sauerstoff würde ihn wachhalten. Der Wind im Gesicht zersauste seinen etwa 5 Zentimeter herabhängenden graumelierten Bart. Sein Haar hing wüst von seinem Kopf. Tempo 50 - mehr war nicht drin, auf dieser dunklen, engen Waldstraße. Er wollte doch nur nach Hause, in sein Bett, wer hatte denn ahnen können, daß diese Rentner solange im Wirtshaus aushalten würden? Erst kurz nach 12 kam eine ältere Dame auf ihn zu, tippte ihn an und sagte: „Genug ist’s Herr Busfahrer, ich glaube meine Gäste möchten nun nach Hause. Würden sie den Bus vorfahren?“ - Alfred, der Busfahrer nahm noch einen kräftigen Zug an seiner Zigarette, drückte den hell glimmenden Stumpf in einem Aschenbecher aus und rutschte erleichtert von seinem Barhocker. Genug ist’s, die Alte hatte ganz recht. 5 Orte hatte er noch anzufahren, um die 34 Gäste nach Hause zu bringen. Dann eine letzte Fahrt am Rande des Eichwaldes entlang, scharfe Linkskurve am Ende des Wäldchens, 200 Meter geradeaus, dann rechts, und noch einmal rechts in die Einfahrt seines heimatlichen Hofes. Ob Elfriede, seine Frau, schon schlief? Er mochte es, wenn sie im Bett lag, sich müde umdrehte, die verschlafenen Augen aufschlug und ihn ansah und „Komm!“ sagte, auf eine Weise, die ihm das Herz aufgehen ließ. Nicht leidenschaftlich, nicht wild; einfach nur warm und herzlich. Eine wundervolle Frau. Er liebte sie seit Jahr und Tag. Damals hatte er ihr Rosen an ihr Fenster gelegt. Sie hatte es geöffnet, verwundert umher geschaut, ihn jedoch nicht entdeckt, wie er hinter einer Hecke aus Lindenstecklingen kauerte und ihr Gesicht beobachtete, ja - es genoß. Er mochte ihren Engelsblick seit dem ersten Tag, an dem er sie sah. So unschuldig, gar nicht lustvoll sein wollend und doch verführerisch bis in die kleinste Haarspitze.
Das ist nun 43 Jahre her. Seither sind sie gemeinsam alt geworden. Sie haben sich kennengelernt, hatten auch die Seiten aneinander erkannt, die sie nicht mochten. Seine Zigaretten, nach denen er immer roch, wenn er spät nachts von einer Fahrt heimkam - wie heute. Er mochte ihre abweisende Art nicht, wenn sie in Gedanken war, die nicht mit ihm - Alfred - oder ihrer Ehe zu tun hatten. Sie schien so kalt, doch im nächsten Moment - ein Husten von ihm reichte - sah sie auf, kehrte zurück in diese Welt und sah ihren Mann an, so liebevoll, wie nur sie es konnte. Er hatte sie damals gesehen und es sofort gewußt - sie war für ihn gemacht. Kein anderer könnte sie glücklich machen, und ebenso keine andere gehörte in sein Leben, nur sie - Elfriede - und er - Alfred.
In der Ferne erkannte Alfred die Abbiegung. Er nahm den Fuß vom Gas, trat auf die Induktionsbremse und drückte den Schalthebel aus der Kerbe des vierten Gangs. Dann drehte er an dem schwergängigen Lenkrad - einmal -zweimal - und wieder zurück - zweiter Gang - Gas. Doch nur ein wenig, denn schon war er in der Nähe seines Hauses. Elfriede schlief, und er wollte sie nicht frühzeitig wecken. 02:41 Uhr zeigte der alte Wecker, den er vor Jahren schon aufgeklebt hatte. Ganz grau und ausgebleicht war die ehemals tiefschwarze Plastikummantelung. In die Jahre gekommen - wie der Bus, und wie Alfred selbst. Doch noch funktionierte er.
Die letzte Biegung, rechts, kündigte sich an, Alfred ging vom Gas, kurbelte an dem großen Lenkrad und zog die Kurve soweit, daß er direkt in die Einfahrt hätte fahren können.
Doch in ihr stand ein anderer Wagen. Gelblich-weiß mit rotem Streifen - ein Krankenwagen. Alfreds Herz schlug höher. Elfriede! Was war mit ihr passiert? Kopflos ließ er den Bus quer auf der Straße stehen und lief so schnell wie seit Jahren nicht mehr zum Haus. Ein Mann mit roter Jacke hielt die Haustür auf, aus der soeben 2 weitere Menschen eine Trage schoben. Elfriede!
„Elfriede“ - Alfreds Blick verschwamm. Welten brachen in ihm zusammen. Die Männer blieben stehen, als er seine Hand auf ihren Arm legte. Mühsam drehte sie den Kopf, öffnete die eingefallenen Augen und sah ihn an. „Komm!“ Brachte sie mit gebrechlicher Stimme leise hervor. Noch immer hatte ihre Stimme diese Kraft, die ihn aufblühen ließ. Bäche von Tränen rannen über sein Gesicht. Sein knochiger Zeigefinger strich dünne Strähnen aus ihrem Gesicht. Sie sah ihn einfach nur an, zärtlich wie immer. Dann packte sie seinen Arm, zog ihn an sich und flüsterte: Bleib hier! - ich geh allein.“ Dann ließ sie ihn los. Ihr Arm sackte auf ihrer Brust zusammen. Ihre Augen schlossen sich sanft, und ein Lächeln blieb auf ihrem Gesicht zurück - eingefroren und so schön wie immer.
Alfred sah den Männern nach. Elfriede war gegangen, nach all den Jahren, einfach so. Er wollte ihr folgen, wollte bei ihr sein, für immer, doch sie wollte, daß er blieb - und das tat er.

Nun, Stunden später, saß er auf einem Holzstamm am Rande der Waldstraße. Das Zirpen der Grillen erreichte sein Ohr, doch nicht seine Gedanken. Sie war weg; sie - die sie seinem Leben einem Sinn gab. Sie hatten keine Kinder, aber was machte das schon, sie hatten sich, doch nun nicht mehr.
Alfred blickte auf das Feld. Ein Mähdrescher hatte einen Teil abgeerntet und ließ die vertrockneten Rümpfe der Pflanzen zurück. Junge Kaninchen hopsten über die Stoppeln, knabberten hier und da. Sie lebten. Sie spielten auf dem scheinbar nutzlosen Rest des Feldes.
Ob auch er noch zu etwas nütze sein könnte? Er blickte sich um, mitten im Wald auf einem Parkplatz stand sein Bus. Er war immer noch da. Er konnte fahren und seinem Leben einen Sinn geben, nicht so wie Elfriede es getan hatte, aber doch ein wenig - ein wenig mehr als ganz ohne Sinn. Und das ist doch was.
Alfred erhob sich. Seine Glieder schmerzten nicht mehr so, wie vor einer Stunde, als er sich hierher geschleppt hatte. Als seine Augen den nicht enden wollenden Tränenfluß nicht mehr ertragen konnten. Jetzt war er ganz ruhig. Die Vögel erreichten ihn, sie sangen ihm Lieder, die er lange nicht mehr so gehört hatte. Er dachte an Elfriede, doch nicht an ihren Abschied.
Er bestieg seinen Bus, die Türen fielen zu, und er beschloß zu bleiben.

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